Brahms : Ein deutsches Requiem (Klavierfassung)

 

 

Cappella Albertina Wien

Soli: Ursula Fiedler, Josef Wagner

Klavier: Manfred Tausch, Christian Schmidt

Leitung: Johannes Ebenbauer

 

 

 

 

Das „Deutsche Requiem" von Johannes Brahms steht in der Nachfolge der von protestantischen Komponisten gepflegten Tradition der auf Texten der Bibel basierenden Erbauungskonzerte (z. B. Heinrich Schütz: Musikalische Exequien), bei welchen nicht nur kirchliche Texte vertont wurden. Brahms erhielt in seinem ersten Lebensjahr eine Kinderbibel, welche er sein ganzes Leben behielt. Aus eben dieser Bibel, einer Übersetzung des Alten und Neuen Testaments von Martin Luther, könnte er Teile des Textes für sein Werk ausgewählt haben (Textgrundlage: Altes und Neues Testament, Apokryphen). Es handelt sich nicht um Musik in Verbindung mit der Liturgie, sondern um ein allgemeines Gedenken an den Tod. Brahms versucht mit seinem Werk der Hoffnung und Gewißheit Ausdruck zu geben, dass der Mensch „zu ewiger Freude" gelangen werde, der vorherrschende Gedanke ist der Glaube an die Auferstehung. Die Komposition richtet sich an die Lebenden, um ihnen Trost zu spenden und die Angst vor dem Tod zu nehmen und in einer Seligpreisung der Toten. Analog zur freien Textauswahl steht das Subjektive im Vordergrund.

Brahms wollte im Titel den Begriff „Deutsch" durch „Mensch" ersetzen, um die Allgemeingültigkeit der Aussage zu verdeutlichen. Man könnte als Motto zur Entstehung des Werkes „Im Anfang war das Wort" setzen, d.h., dass die Auswahl des geistlichen Textes besondere Bedeutung hatte, dass Brahms bei der Vertonung größten Wert auf die Verständlichkeit des gesungenen Wortes legte.

 

Die Entstehungszeit des Requiems umfasst den Zeitraum von 1856 bis 1868. Ein Grund zur Entstehung des Werkes könnte der Tod von Robert Schumann im Jahre 1856 gewesen sein. Brahms fand in dessen „Projektbuch" einen Entwurf zu einem deutschen Requiem. Der Tod von Brahms Mutter Christiane im Jahre 1865 dürfte der letzte, entscheidende Anstoß zur Komposition gewesen sein. Der 1865 komponierte vierte Satz scheint unter dem Eindruck des Todes von Christiane Brahms entstanden zu sein, während Brahms den 1868 komponierten fünften Satzes im Gedenken an seine Mutter schuf („Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet").

 

Die Uraufführung der ersten drei Sätze des Werkes (Fassung für Bariton, Chor und Orchester) fand am 1. Dezember 1867 im Großen Musikvereinssaal in Wien statt (Dirigent: Johann Herbeck), während die Uraufführung der Sätze Nr. 6 und 7 (inklusive der Sätze Nr. 1 bis 4, Fassung für Bariton, Chor und Orchester) vom Komponisten selbst am 10. April 1868 im Dom von Bremen geleitet wurden. Die vollständige Aufführung aller sieben Sätze (inklusive des 1868 komponierten fünften Satzes, Fassung für Solisten (Sopran, Bariton), Chor und Orchester) fand am 18. Februar 1869 im Leipziger Gewandhaus (Dirigent: Carl Reinecke) statt.

 

Abgesehen von der tröstlichen Grundstimmung des Werkes („Den Menschen, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden") kann man den einzelnen Sätze folgende Charakterisierung zuschreiben: Trost - Geduldigkeit - Hoffnung - Freude - Trauer - Zuversicht - Erlösung.

Die einzelnen Sätze sind symmetrisch angeordnet: 1. und 7. Satz stellen Seligpreisungen dar. Dem 2. Satz (Vergänglichkeit des Daseins) steht der 6. Satz (Gewissheit der Auferstehung) gegenüber, wie sich auch 3. (Vergänglichkeit des Lebens) und 5. Satz (Trost) entsprechen. Als Ruhepol ist der 4. Satz anzusehen (von der Klage zur Gewissheit des Lebens nach dem Tode), vergleichbar den Scherzi in den Symphonien von Brahms.

 

 

Johannes Brahms

Ein Deutsches Requiem


nach Worten der heiligen Schrift, op. 45

 



I.

Ziemlich langsam und mit Ausdruck

Selig sind, die da Leid tragen,
denn sie sollen getröstet werden.
(Matthäus 5,4)

Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und tragen edlen Samen,
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.
(Psalm 126,5.6.)

II.

Langsam, marschmäßig

Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen.
(1. Petrus 1, 24)

Etwas bewegter

So seid nun geduldig, liebe Brüder,
bis auf die Zukunft des Herrn.
Siehe, ein Ackermann wartet
auf die köstliche Frucht der Erde
und ist geduldig darüber,
bis er empfahe den Morgenregen und Abendregen.
So seid geduldig.
(Jakobus 5, 7)

Tempo I.
Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen.

Un poco sostenuto

Aber des Herren Wort bleibet in Ewigkeit.
(1. Petrus 1, 24. 25)

Allegro non troppo

Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen,
und gen Zion kommen mit Jauchzen;
Freude, ewige Freude,
wird über ihrem Haupte sein;
Freude und Wonne werden sie ergreifen,
und Schmerz und Seufzen wird weg müssen.
(Jesaja 35, 10)

III.

Andante moderato

Herr, lehre doch mich,
daß ein Ende mit mir haben muß.
und mein Leben ein Ziel hat,
und ich davon muß.
Siehe, meine Tage sind
einer Hand breit vor Dir,
und mein Leben ist wie nichts vor Dir.
Ach wie gar nichts sind alle Menschen,
die doch so sicher leben.
Sie gehen daher wie ein Schemen
und machen ihnen viel vergebliche Unruhe;
sie sammeln und wissen nicht,
wer es kriegen wird.
Nun Herr, wes soll ich mich trösten?
Ich hoffe auf Dich.
(Psalm 39, 5-8)

Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand
und keine Qual rühret sie an.
(Weisheit Salomos 3, 1)

IV.

Mäßig bewegt

Wie lieblich sind Deine Wohnungen,
Herr Zebaoth!
Meine Seele verlanget und sehnet sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
Mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.
Wohl denen, die in Deinem Hause wohnen,
die loben Dich immerdar.
(Psalm 84, 2.3.5)

V.

Langsam

Ihr habt nun Traurigkeit;
aber ich will euch wiedersehen,
und euer Herz soll sich freuen,
und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
(Johannes 16, 22)

Ich will euch trösten,
wie einen seine Mutter tröstet.
(Jesaja 66, 13)

Sehet mich an: Ich habe eine kleine Zeit
Mühe und Arbeit gehabt
und habe großen Trost gefunden.
(Jesus Sirach 51, 35)

VI.

Andante

Denn wir haben hie keine bleibende Statt,
sondern die zukünftige suchen wir.
(Hebräer 13, 14)

Siehe, ich sage Euch ein Geheimnis:
Wir werden nicht alle entschlafen,
wir werden aber alle verwandelt werden;
und dasselbige plötzlich in einem Augenblick,
zu der Zeit der letzten Posaune.

Vivace

Denn es wird die Posaune schallen
und die Toten werden auferstehen unverweslich;
und wir werden verwandelt werden.
Dann wird erfüllet werden das Wort,
das geschrieben steht.
Der Tod ist verschlungen in den Sieg.
Tod, wo ist dein Stachel?
Hölle, wo ist dein Sieg?
(1 Korinther 15, 51.52.54.55.)

Allegro

Herr, Du bist würdig
zu nehmen Preis und Ehre und Kraft,
denn Du hast alle Dinge erschaffen,
und durch Deinen Willen haben sie das Wesen
und sind geschaffen.
(Offenbarung Johannis 4, 11)

VII.

Feierlich

Selig sind die Toten,
die in dem Herrn sterben,
von nun an.
Ja, der Geist spricht,
daß sie ruhen von ihrer Arbeit;
denn ihre Werke folgen ihnen nach.


(Offenbarung Johannis 14, 13)